StartGesundheitSpannungs­kopfschmerz oder doch Migräne?

Spannungs­kopfschmerz oder doch Migräne?

Kopfschmerzen kennen fast alle. Um nicht unnötig zu leiden, ist eine korrekte Diagnose unerlässlich. 

Kopfweh: Treten die Schmerzen nur gelegentlich auf, sind sie zwar lästig, aber meist harmlos. Rund drei Prozent der Bevölkerung leiden allerdings an einer chronischen Form, bei ihnen treten die Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen im Monat auf.

Mediziner unterscheiden mehr als 300 verschiedene Kopfschmerztypen. Viele davon kommen sehr selten vor, zwei hingegen sehr häufig: die Migräne und der Spannungskopfschmerz. Diese beiden Typen sind für rund 90 Prozent aller Kopfschmerzen verantwortlich.

Beinahe jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens Bekanntschaft mit der einen oder anderen Form. «Jemand, der glaubhaft keine Kopfschmerzen kennt, das kommt wirklich selten vor», sagt Reto Agosti, Gründer und Chefarzt des Kopfwehzentrums Hirslanden in Zürich.

Der häufigste Kopfschmerz überhaupt ist der Spannungskopfschmerz: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist immer mal wieder davon betroffen. Wer an dieser Form leidet, klagt meist über dumpf-drückende Schmerzen, die am ganzenKopf auftreten können. Begleitsymptome wie Übelkeit und Licht- oder Lärmempfindlichkeit, wie sie oft bei der Migräne vorkommen, sind hier eher selten. Meist ist auch die Arbeitsfähigkeit nicht oder nicht wesentlich eingeschränkt, da sich die Schmerzen durch körperliche Bewegung nicht verschlimmern.

Tritt der Spannungskopfschmerz nur gelegentlich auf, gilt er als harmlos. Rund drei Prozent der Bevölkerung leiden allerdings an der chronischen Form, bei ihnen treten die Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen im Monat auf.

Stress und wenig Bewegung als Auslöser

Obwohl Spannungskopfschmerzen so verbreitet sind, weiss man immer noch wenig über die Entstehungsmechanismen. «Ein Teil der Patienten weist schmerzhaft verhärtete Muskeln im Hals-Nacken-Bereich auf, und man hat lange geglaubt, dass diese Muskelverspannungen die Ursache für die Kopfschmerzen sind, was auch namensgebend war», erklärt Neurologin Susanne Wegener vom Universitätsspital Zürich und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft.

Betroffenen helfen in solchen Fällen Massagen und das Drücken bestimmter Triggerpunkte. «Bei manchen Patienten kann man aber drücken und massieren, so viel man will, das macht es nicht besser», sagt Agosti. Fachleute vermuten darum, dass es neben der muskulären auch eine zentrale Ursache im Gehirn geben muss.

Häufige Ursachen für Spannungskopfschmerzen können demnach Stress und innere Anspannung sein. Aber auch zu wenig Bewegung oder eine unbequeme Sitzposition sind mögliche Auslöser. «Ist Alkohol im Spiel, sind es aber keine Spannungskopfschmerzen», stellt Agosti klar.

Vorsicht vor zu häufigem Schmerzmittelgebrauch

 «Hat man nur selten Kopfschmerzen, spricht nichts dagegen, sie mit einer Schmerztablette zu behandeln», sagt Neurologin Wegener. Problematisch werde es bei den chronischen Verlaufsformen. Viele Menschen therapieren ihre Kopfschmerzen selbst, was die Sache komplizieren kann. «Manche Patienten nehmen über Monate oder gar Jahre hinweg sehr häufig, manchmal sogar täglich Schmerzmittel ein», so Wegener.

Was viele jedoch nicht wissen: Schmerzmittel können bei regelmässigem Gebrauch ebenfalls Kopfschmerzen auslösen, einen sogenannten Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz. «Dann braucht es einen Schmerzmittelentzug», erläutert Wegener.

Bei chronischen Spannungskopfschmerzen biete sich alternativ etwa die Einnahme eines Antidepressivums als Basisprophylaxe an. Solche Medikamente seien verträglicher als Schmerzmittel, die in hoher Dosierung Organe wie Magen, Nieren oder Leber schädigen könnten.

Eine korrekte Diagnose der Kopfschmerzen ist essenziell», betont auch Reto Agosti vom Zürcher Kopfwehzentrum Hirslanden. Gerade die Migräne sei in der Schweiz unterdiagnostiziert. «Die Leute denken, sie hätten Spannungskopfschmerzen und leiden, weil sie die falschen Medikamente einnehmen. Bis zu drei-, viermal Ibuprofen am Tag oder mehrere Gramm Paracetamol – das ist ein Schock für die Leber. Dabei wären sie mit 10 Milligramm eines Triptans bestens bedient.» 

Triptane seien hoch wirksam, seit 30 Jahren erforscht und gut verträglich, so Agosti. Allerdings: Sie sind nur mit einer Migräne-Diagnose und auf Rezept erhältlich.

Schwierige Abgrenzung zur Migräne

Da Triptane ausschliesslich gegen Migräne wirken, dienen sie in manchen Fällen als diagnostisches Mittel. Zwar existieren recht klare Kriterien für die Diagnose von Kopfschmerzen, dennoch ist die Einordnung nicht immer einfach: Manche Patienten leiden sowohl an Migräne als auch an Spannungskopfschmerzen, andere an leichter Migräne ohne Begleitsymptome.

Generell kommen Kopfschmerzen, insbesondere die Migräne, in vielen Schattierungen daher: «Es gibt Leute, die haben kaum Kopfschmerzen, aber dreimal am Tag eine Aura, also eine Sehstörung, weswegen sie keine Bildschirmarbeit verrichten können. Andere müssen erbrechen», erklärt Agosti. Im Durchschnitt koste es Migräne-Betroffene einen Tag, um sich zu erholen.

«Es ist nicht falsch, wiederkehrende Kopfschmerzen ärztlich abklären zu lassen», sagt Susanne Wegener. Experten seien auch für die sogenannten «Red Flags» sensibilisiert: Dabei handelt es sich meist um starke Kopfschmerzen, die durch eine ernste Hirnerkrankung verursacht werden. Solche sekundären Kopfschmerzen sind Warnzeichen, die umgehend abgeklärt werden müssen.

Aber gerade die viel häufigeren primären Kopfschmerzen, zu denen neben Migräne und Spannungskopfschmerz auch der seltene und heftige Cluster-Kopfschmerz zählt, können die Lebensqualität gravierend beeinträchtigen und gehören professionell behandelt. 

Auch nicht medikamentöse Ansätze ausprobieren 

«Leidet man immer wieder an Kopfschmerzen, sollte man auch die eigene Lebenssituation überdenken», rät Wegener: «Bin ich gestresst? Sorge ich ausreichend für Ausgleich? Bewege ich mich regelmässig? Was kann ich an meinem Leben ändern?»

Nicht medikamentöse Ansätze wie Entspannungsübungen und regelmässiges leichtes Ausdauertraining seien oft ein guter Weg. «Bei einigen Anwendungen wie Akupunktur oder manuellen Therapien gibt es nicht viel wissenschaftliche Evidenz, aber sie können im Einzelfall helfen und zur Entspannung beitragen», so Wegener, die übrigens gerade Betroffene sucht für eine Studie der Universität Zürich.

Dabei wollen die Forschenden zusammen mit Linguisten herausfinden, wie Menschen ihre Kopfschmerzen in eigenen Worten schildern. Möglicherweise gibt es bei bestimmten Kopfschmerztypen Übereinstimmungen in der Wortwahl und der Kommunikation, sodass die richtige Diagnose gerade bei Mischformen künftig leichter zu stellen ist.

Quelle: www.tagesanzeiger.ch

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