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Der Schweiz gehen die Uhrmacher aus

Die überraschend hohe Nachfrage nach Luxusuhren nach der Corona-Krise hat Folgen. Der Branche fehlen 4000 Fachkräfte. Jetzt soll eine Charmeoffensive Jugendliche vom Beruf überzeugen.

Wird die Schweizer Uhrenindustrie ein Opfer ihres eigenen Erfolgs? Im ersten Jahr nach Ende der Corona-Krise und trotz des Ukraine-Kriegs ist die Nachfrage nach Luxusuhren bereits wieder so hoch, dass Rolex die Produktion massiv ausbauen muss. Die Luxusuhrenmarke aus Genf plant ein neues Werk im freiburgischen Bulle mit zusätzlichen 2000 Arbeitsplätzen. Angepeilter Eröffnungstermin ist das Jahr 2029. Die Investitionen belaufen sich auf rund 1 Milliarde Franken.

Allerdings stellt sich heute die Frage, ob ab diesem Zeitpunkt überhaupt genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Wie beim Arbeitgeberverband der Uhrenindustrie zu erfahren ist, benötigt die Branche bis zum Jahr 2026 rund 4000 qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Mangel ist im Wesentlichen die Folge von Frühpensionierungen sowie des aktuellen Wachstums, das zusätzliche Arbeitsplätze erfordert.

Vor allem in spezialisierten Berufen wie Qualitätsfachfrau in der Mikrotechnik sowie Oberflächenveredler Uhren und Schmuck ist der Bedarf besonders hoch. Aktuell beschäftigt die Uhrenindustrie in der Schweiz knapp 57’500 Angestellte.

Chopard-Präsident schlägt Alarm

Uhrenpatrons wie Karl-Friedrich Scheufele machen sich deshalb keine Illusionen. «Es ist sicher, dass die 30 Lehrlinge, die wir jedes Jahr mindestens ausbilden, nicht ausreichen werden, um unsere Nachfrage zu decken», sagte der Co-Präsident von Chopard gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS. «Wir bräuchten das Doppelte oder sogar das Dreifache.»

Für Scheufele bleibt es unabdingbar, dass die Branche an der dualen Lehrlingsausbildung festhält. Gemeint ist die Ausbildung in den Betrieben selbst sowie an den Berufsschulen.

Der Arbeitskräftemangel ist teilweise selbst verschuldet und teilweise durch äussere Faktoren bestimmt, welche die Uhrenindustrie nicht beeinflussen kann. So hat es der drittgrösste Exportzweig der Schweiz einerseits versäumt, genügend Fachkräfte in bestimmten Berufen auszubilden.

Der Grund: Vor einigen Jahren rechneten die Hersteller damit, dass mehrere Berufe verschwinden, weil sie durch Maschinen ersetzt würden. Ein solches Beispiel ist der Oberflächenveredler, in der Fachsprache Polisseur genannt. Diese Fachperson gibt den wichtigen Bauteilen des Uhrengehäuses buchstäblich den letzten Schliff, indem sie Unebenheiten oder Schweissrückstände entfernt. Berufseinsteiger frisch ab der Lehre können gemäss dem Lohnrechner des Gewerkschaftsbundes mit einem Salär ab 4800 Franken rechnen.

Nur: Die Uhrenindustrie unterschätzte die zunehmende Bedeutung der mechanischen Uhrmacherkunst, die manuelle Arbeitsschritte wie die Oberflächenveredelung bevorzugt.

Auf der anderen Seite ist die Branche überrascht worden davon, wie schnell sich die wichtigen Absatzmärkte wie China und die USA nach dem Ausbruch der Pandemie erholt haben. Die Nachfrage nach Luxusuhren ist seit dem vergangenen Jahr wieder derart hoch, dass die Manufakturen beim Personal hinterherhinken. Noch im Corona-Jahr 2020 hatten vor allem kleine Hersteller und Zulieferer Stellen abgebaut.

Die rasche Erholung spiegelt sich in den Ausfuhren wider: 2021 erreichte der Wert der Uhrenexporte einen neuen Höchststand von 22,3 Milliarden Franken nach dem schwachen Pandemiejahr 2020. Gut möglich, dass das laufende Jahr wieder rekordverdächtig wird. In den ersten zehn Monaten wurden bereits Uhren für 20,4 Milliarden Franken exportiert – der starke Weihnachtsmonat Dezember ist noch gar nicht berücksichtigt.

Charmeoffensive bei Jugendlichen

Mit verschiedenen Massnahmen versucht die Uhrenindustrie nun, Jugendliche von einem Einstieg in die Branche zu überzeugen. Eine davon ist, Schulabgänger gezielter anzusprechen und für handwerkliche Berufe zu begeistern. Denn nach wie vor ist ein Studium die verlockendere Alternative zur Lehre. Und auch andere verwandte Wirtschaftszweige wie die Medizinaltechnik buhlen um Nachwuchs.

Deshalb markierte der federführende Arbeitgeberverband Präsenz an den diesjährigen Berufsmeisterschaften Swissskills in Bern. Die 120’000 Besucher in Bern konnten sich ein Bild über die Vielfalt und Attraktivität von Uhrmacherberufen machen.

Weiter bemühen sich die Arbeitgeber um attraktive Arbeitsbedingungen. Seit 83 Jahren besteht zwischen den Sozialpartnern ein Gesamtarbeitsvertrag, welcher die Interessen von Unternehmen und Arbeitnehmern gleichermassen wahrt. Im kommenden März stehen neue Verhandlungen an, um den Vertrag um weitere fünf Jahre zu verlängern.

Quelle: Tagesanzeiger.ch

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