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Massenentlassung bei Tabakkonzern im Jura

Der Tabakmulti British American Tobacco entlässt in Boncourt sämtliche 226 Mitarbeitenden. Die Massenentlassung stösst das 1200 Einwohner-Dorf in eine Misere.

Es ist eine verheerende Nachricht  für den Wirtschaftsstandort Jura und das 1200 Einwohner zählende Dorf Boncourt. Der Zigarettenkonzern British American Tobacco (BAT) hat seine 226 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Mittwoch darüber informiert, dass er sein Werk in Boncourt schliessen wird. BAT plant, die Schliessung im kommenden Jahr in Etappen zu vollziehen. Sämtliche Mitarbeitenden verlieren ihre Stellen. 

Für die Gemeinde endet damit eine 200-jährige Industriegeschichte, die ihr erheblichen Wohlstand gebracht hat. Die Zigarettenfabrik war im Jahr 1814 von der elsässischen Familie Burrus in Boncourt gebaut und erst 1996 für rund eine Milliarde Franken an den Zigarettenmulti Rothmans International verkauft worden. 1999 fusionierte Rothmans mit dem Konzern BAT. Der Entscheid, das Werk in Boncourt zu schliessen, wurde am BAT-Hauptquartier in London gefällt.

Unterstützt von den Gewerkschaften Unia und Syna tat die Belegschaft in den letzten Tagen alles, um dem Tabakkonzern Vorschläge vorzulegen, wie man allenfalls einen Teil der Arbeitsstellen im Schweizer Jura erhalten könnte. Tag für Tag trafen sich 36 Mitarbeitende zu Beratungen. Eineinhalb Monate dauerten die Konsultationen insgesamt. 16 Verhandlungsrunden zwischen Direktion und Personalvertreter gab es. Doch alle Bemühungen, die Direktion in Boncourt, vor allem aber das Konzernmanagement in London von einem Verbleib im Jura zu überzeugen, scheiterten. Nun werden sämtliche Produktionsanlagen ab- und an einem anderen BAT-Standort wieder aufgebaut. BAT-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen betonten am Mittwoch, sie fühlten sich von ihrem Arbeitgeber verraten. Direktor Gilles Surdez betonte gegenüber dem jurassischen Radio RFJ, man habe «alles versucht, um Alternativen zu finden und die Schliessung zu verhindern». 

Auch Vertreter der Gewerkschaften Unia und Syna zeigten sich enttäuscht über den Schliessungsentscheid. Man habe der Geschäftsleitung mehrere glaubwürdige, gut dokumentierte und mit Zahlen belegte Rettungsszenarien präsentiert. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hätten sich mit aller Macht gegen die Schliessung gestemmt. An einer Personalversammlung am Mittwoch habe es jedenfalls in keinem Moment Zweifel daran gegeben, seine Pflicht nicht erfüllt zu haben.

Ein Sozialplan soll bereits vorliegen und von beiden Seiten akzeptiert sein. Dieser sieht unter anderem vor, jene Mitarbeitenden, die seit mindestens zehn Jahren im Betrieb arbeiten, mit zehn Monatslöhnen zu entschädigen. 

Die Zigarettenproduktion in Boncourt JU und die Verarbeitung der Tabakblätter waren im vergangenen Jahrhundert auch eine Touristenattraktion. Am 1. September 1960 besichtigten Teilnehmerinnen einer «Schweizerwoche»-Fahrt die Firma.
Die Zigarettenproduktion in Boncourt JU und die Verarbeitung der Tabakblätter waren im vergangenen Jahrhundert auch eine Touristenattraktion. Am 1. September 1960 besichtigten Teilnehmerinnen einer «Schweizerwoche»-Fahrt die Firma.Foto: Alain Gassmann (Photopress-Archiv, Keystone)

Auch für die jurassische Regierung ist der Entscheid eine herbe Niederlage. Regierungsräte versuchten den Tabakkonzern mit steuerlichen Anreizen und Ausbildungszuschüsse im Jura zu behalten. Vergeblich. Gleich drei jurassische Regierungsräte betonten am Mittwochabend an einer Medienkonferenz, sie seien über die Schliessung äusserst besorgt. Vom Ende der Zigarettenfabrik seien auch Zulieferfirmen in der Region betroffen. Für die Standortgemeinde, aber auch für den Kanton Jura werde die Schliessung finanziell weitreichende Folgen haben. Allein wegen der Präsenz von BAT zahlte Boncourt je nach Steuerjahr 1,4 bis 4,2 Millionen Franken in den kantonalen Finanzausgleich. Das Geld floss in die Kassen strukturärmerer Gemeinden. 

Auch für die riesige Industriebrache, die BAT im Dorf hinterlassen wird, müssen Lösungen gefunden werden. Die Gemeinde ihrerseits muss das Budget fürs kommende Jahr komplett überarbeiten. Mit der Schliessung fehlen Boncourt 2 Millionen Franken Steuereinnahmen bei Ausgaben von 8 Millionen Franken.

Nach der Konsultationsphase werden die kantonalen und kommunalen Behörden direkte Gespräche führen, um zu versuchen, die Folgen dieser Entscheidung so weit wie möglich abzumildern. Dabei geht es insbesondere um die Umsetzung des von der Personalversammlung angenommenen Sozialplans, die Wahrung der regionalen Wirtschaftsinteressen, die verschiedenen steuerlichen Aspekte und die Zukunft der Gebäude und des Standorts.

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